Hania Akbar
Ramadan – der neunte Monat des islamischen Kalenders – hat einen besonderen Platz im
Herzen der Muslime weltweit. Es ist die Zeit, in der Gläubige danach streben, ihre Beziehung zu Allah zu stärken, ihren Charakter zu verbessern und durch vermehrten Gottesdienst – wie das Fasten, das Gebet und intensive Reflexion – spirituelle Disziplin zu entwickeln.
Für viele Studierende fällt diese gesegnete Zeit jedoch mit einer Phase zusammen, die ebenfalls hohe Anforderungen stellt: der Prüfungszeit. Während der Ramadan dazu einlädt, sich intensiver dem Gebet, dem Koran und der Selbstreflexion zu widmen, erfordern Prüfungen gleichzeitig Konzentration, Ausdauer und eine zeitintensive Vorbereitung. Zwischen Lernplänen, Abgabeterminen und Klausuren kann leicht das Gefühl entstehen, beiden Bereichen nicht vollständig gerecht zu werden.
Aus islamischer Sicht stehen diese beiden Verpflichtungen jedoch nicht im Widerspruch
zueinander. Vielmehr erinnert der Heilige Koran daran, dass Prüfungen ein grundlegender
Bestandteil des menschlichen Lebens sind. So heißt es in der zweiten Sure:
وَلَنَبۡلُوَنَّکُمۡ بِشَیۡءٍ مِّنَ الۡخَوۡفِ وَالۡجُوۡعِ وَنَقۡصٍ مِّنَ الۡاَمۡوَالِ وَالۡاَنۡفُسِ وَالثَّمَرٰتِ ؕ وَبَشِّرِ الصّٰبِرِیۡنَ
“Wahrlich, Wir werden euch prüfen mit ein wenig Furcht und Hunger und Verlust an Gut
und Leben und Früchten; doch gib frohe Botschaft den Geduldigen,”
Surah Al Baqarah : Vers 156
Prüfungen gehören zum Leben eines Gläubigen. Herausforderungen sind keine Zeichen
göttlicher Ferne, sondern im Gegenteil: sie sind Gelegenheiten zur Standhaftigkeit und zum Wachstum. Geduld (Sabr) ist im Islam keine passive Haltung, sondern ein aktives Durchhalten im Vertrauen auf Allah. Gerade der Ramadan stärkt diese innere Widerstandskraft. Wer tagsüber auf Nahrung und Gewohnheiten verzichtet, trainiert Selbstkontrolle, Ausdauer und bewusste Prioritätensetzung – Eigenschaften, die auch im akademischen Kontext von zentraler Bedeutung sind.
Das Streben nach Wissen besitzt im Islam einen hohen Rang. Der Heilige Prophet Muhammad (Friede und Segen Allahs seien auf ihm) sagte:
„Wer sich auf den Weg begibt, um Wissen zu suchen, befindet sich im Dienste Allahs, bis er zurückkehrt.“
Tirmidhi; Riyad as-Salihin, Hadith Nr. 1390
Bildung wird im Islam nicht losgelöst vom Glauben betrachtet. Lernen kann – wenn es mit der richtigen Absicht geschieht – selbst zu einer Form des Gottesdienstes werden. Wer studiert, um der Gesellschaft zu dienen, Verantwortung zu übernehmen oder seine Fähigkeiten im Sinne des Guten einzusetzen, verbindet weltliche Anstrengung mit spiritueller Zielsetzung.
Die Bedeutung von Bildung beschränkt sich dabei nicht auf bestimmte Gruppen. In einer
Ansprache im Hauptsitz der UNESCO in Paris am 8. Oktober 2019 betonte Seine Heiligkeit Hadhrat Khalifatul Masih V ABA, das Oberhaupt der Ahmadiyya Muslim Jamaat, dass der Heilige Prophet Muhammad SAW in einer Zeit, in der Frauen und Mädchen diskriminiert und oft als minderwertig betrachtet wurden, seine Anhänger anwies, sicherzustellen, dass Mädchen ausgebildet und respektiert wurden. Dieses Beispiel verdeutlicht, dass das Streben nach Wissen im Islam als universelles Recht und als moralische Pflicht verstanden wird.
Vor diesem Hintergrund verändert sich die Perspektive auf Prüfungen im Ramadan
grundlegend. Sie sind kein Hindernis auf dem Weg zu spirituellem Wachstum, sondern können selbst Teil dieses Wachstums sein. Die Herausforderung besteht nicht darin, zwischen der Welt und dem Glauben zu wählen, sondern beide in Einklang zu bringen.
Dies erfordert eine bewusste Strukturierung des Alltags. Eine durchdachte Zeitplanung hilft, Lernphasen und Zeiten des Gedenken Allahs (Dhikr) sinnvoll zu koordinieren. Viele
empfinden die frühen Morgenstunden nach dem Fajr-Gebet als besonders konzentriert und segensreich. Ebenso kann es hilfreich sein, feste Zeiten für Koran-Rezitation oder das Gedenken Allahs einzuplanen – selbst wenn diese kürzer ausfallen als gewohnt. Entscheidend ist Beständigkeit.
Darüber hinaus sollte die körperliche Gesundheit nicht vernachlässigt werden. Eine
ausgewogene Ernährung bei Suhoor (Fastenbeginn) und Iftar (Fastenbrechen) sowie
ausreichender Schlaf tragen wesentlich dazu bei, Leistungsfähigkeit und Konzentration zu
erhalten. Der Islam lehrt ein ausgewogenes Maß in allen Dingen. Überforderung – sei sie
spirituell oder akademisch – entspricht nicht dem Prinzip der Mäßigung, das unsere Religion betont.
In dieser Phase zeigt sich auch die Bedeutung von Gemeinschaft. Innerhalb studentischer
Organisationen wie der Ahmadi Muslimischen Studentinnen Vereinigung (AMSV) kann
gegenseitige Unterstützung einen spürbaren Unterschied machen. Gemeinsame Gebete in der Universität, motivierende Gespräche oder praktische Lerntipps fördern nicht nur den
akademischen Erfolg, sondern stärken auch das Gefühl der Geschwisterlichkeit. Ramadan ist ein Monat der Solidarität – niemand sollte sich mit seinen Herausforderungen allein fühlen.
Gleichzeitig bleibt die innere Haltung entscheidend. Nicht jeder Tag wird gleich produktiv
verlaufen. Müdigkeit oder Konzentrationsschwierigkeiten sind menschlich. In solchen
Momenten ist es wichtig, sich daran zu erinnern, dass Allah die Absicht und die Bemühung eines jeden Menschen kennt. Der Wert einer Handlung bemisst sich im Islam nicht allein an ihrem äußeren Umfang, sondern an der Aufrichtigkeit, mit der sie verrichtet wird.
Viele Studierende berichten, dass sie gerade im Ramadan eine besondere Form innerer Klarheit erleben. Trotz äußerer Anstrengung entsteht ein Gefühl von Struktur und Zielgerichtetheit. Vielleicht liegt dies daran, dass der Ramadan den Blick auf das Wesentliche schärft. Wenn der Tag bewusst um Gebetszeiten herum aufgebaut wird, erhält auch das Lernen eine klare Ordnung.
Letztlich führt die Auseinandersetzung mit Prüfungen im Ramadan zu einer tieferen
Erkenntnis: Das Leben selbst ist eine fortwährende Prüfung. Akademische Herausforderungen sind lediglich ein Abschnitt davon. Wer lernt, diese Phase mit Geduld, Disziplin und Vertrauen zu durchlaufen, entwickelt Fähigkeiten, die weit über den Hörsaal hinausreichen.
Der Ramadan erinnert uns daran, dass wahre Stärke nicht im Fehlen von Herausforderungen liegt, sondern im verantwortungsvollen Umgang mit ihnen. Prüfungen im Studium und Prüfungen des Lebens sind keine Gegensätze zum spirituellen Weg – sie sind Teil davon. Mit einer klaren Absicht, verantwortungsbewusstem Handeln und Vertrauen auf Allah können selbst anspruchsvolle Zeiten zu Quellen des Segens werden.
So wird der Ramadan nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Herausforderungen zu einem Monat der Reifung. Vielleicht erkennen wir am Ende, dass die Verbindung von geistiger Anstrengung und spiritueller Hingabe uns näher zu dem Ziel führt, das über jede einzelne Prüfung hinausgeht.
Seine Heiligkeit Hadhrat Khalifatul Masih V (aba) betonte in einer Freitagsansprache:
„Daher sollten diejenigen, die im Ramadan die Möglichkeit zum Fasten und Beten bekommen haben, diese Tugenden auch das ganze Jahr über beibehalten. Nur so erfüllen wir den wahren Zweck unserer Schöpfung.“
(Freitagsansprache, 28. März 2025)
Gerade für Studenten, Auszubildende oder Schüler – für alle, die Prüfungen oder Herausforderungen gegenüberstehen – bedeutet dies, die im Ramadan erlernte Geduld, Disziplin und Struktur auch im weiteren Alltag beizubehalten und Prüfungen weiterhin mit Vertrauen auf Allah zu begegnen.
Möge Allah uns die Fähigkeit verleihen, die im Ramadan gewonnene Stärke auch über diesen Monat hinaus in unserem Leben zu bewahren.
Denn wahrer Erfolg liegt nicht nur im Beginnen des Guten, sondern in seiner Beständigkeit.