-persönliche Erfahrungen einer fastenden Lehrkraft im Licht wissenschaftlicher Studien
Es ist die dritte Stunde eines gewöhnlichen Schultages. Im Stundenplan steht Wertevermittlung. Die Schülerinnen und Schüler rücken ihre Stühle zurecht, einige flüstern noch miteinander, jemand lässt seinen Stift über den Tisch rollen. Es ist einer dieser Momente, in denen eine Klasse noch nicht ganz angekommen ist.
Um an das Thema der letzten Stunde anzuknüpfen, stelle ich eine Frage in den Raum.
„Stellt euch vor, ihr dürftet nur eine Superkraft wählen, welche wäre das?“
Sofort gehen mehrere Hände nach oben.
„Unsichtbar sein!“
„Zeitreisen!“
„Gedanken lesen!“
„Teleportieren!“
Die Fantasie der Kinder kennt keine Grenzen. Einige lachen, andere versuchen, sich gegenseitig mit immer spektakuläreren Ideen zu übertreffen.
Dann folgt die zweite Frage.
„Was würdet ihr tun, wenn ihr das ganze Geld der Welt hättet?“
Ein Schüler ruft sofort: „Ich würde reich bleiben!“
Eine Schülerin überlegt kurz und sagt: „Ich würde Firmen gründen.“
Ein anderer sagt lachend: „Ich würde eine riesige Party machen.“
Die Antworten sind spontan, ehrlich und typisch für Kinder in diesem Alter.
Dann stelle ich die dritte Frage.
„Wenn ihr alles verlieren würdet und nur eine einzige Sache behalten dürftet – welche wäre das?“
Plötzlich verändert sich die Atmosphäre. Einige Kinder schauen nachdenklich auf ihre Tische. Andere lehnen sich zurück und überlegen.
Dann hebt ein Schüler die Hand und stellt eine Gegenfrage.
„Und Sie, Frau L.?“
Ich überlege einen Moment.
„Meine Superkraft wäre das Gebet.“
Für einen Augenblick ist es vollkommen still im Raum.
Einige Kinder schauen sich gegenseitig an. Ein Schüler runzelt die Stirn. Eine Schülerin lächelt überrascht.
„Wenn ich das ganze Geld der Welt hätte“, fahre ich fort, „würde ich einen großen Teil davon Menschen geben, die wenig haben. Wir wissen nie, wie lange wir leben. Vielleicht passiert morgen etwas. Dann ist es schön, wenn Menschen sich an dich erinnern, weil du ihnen geholfen hast.“
Bei der dritten Frage bleibe ich bei meiner ersten Antwort.
„Wenn ich nur eine Sache behalten dürfte, wäre es wieder das Gebet.“
Ein Schüler sagt schließlich leise:
„Daran habe ich gar nicht gedacht.“
In diesem Moment verändert sich etwas im Raum. Die Gespräche werden ruhiger. Die Kinder beginnen sichtbar nachzudenken.
Ramadan als Training für das innere Leben
Während dieser Unterrichtsstunde faste ich. Es ist Ramadan. Einige Schülerinnen und Schüler wissen das bereits, und früher oder später stellen sie ihre Fragen.
„Ist das nicht schwer?“
„Darfst du wirklich nichts essen?“
„Warum machst du das?“
Für mich fühlt sich Ramadan tatsächlich wie eine Art innerer Neustart an. Der bewusste Verzicht auf Essen und Trinken während des Tages unterbricht Gewohnheiten, die im Alltag selbstverständlich geworden sind. Plötzlich wird bewusst, wie stark viele Handlungen von Routine geprägt sind.
Auch wissenschaftliche Studien beschreiben ähnliche Effekte. Eine systematische Übersichtsarbeit von Khan, Khan und Ahmed (2023) im Fachjournal Discover Psychology zeigt, dass viele Menschen während des Ramadan über ein gesteigertes emotionales Wohlbefinden und eine stärkere soziale Verbundenheit berichten.
Gleichzeitig weisen die Forschenden darauf hin, dass Veränderungen im Schlafrhythmus auftreten können, die zu Tagesmüdigkeit führen können – ein Aspekt, der besonders im schulischen Kontext berücksichtigt werden muss.
Psychologisch lässt sich Fasten zudem als eine Form der Selbstregulation verstehen. Der Sozialpsychologe Roy F. Baumeister beschreibt Selbstkontrolle als eine der zentralen Fähigkeiten menschlichen Handelns (Baumeister & Vohs, Handbook of Self-Regulation, 2007).
Die Fähigkeit, unmittelbare Bedürfnisse aufzuschieben, gilt als wichtige Grundlage für langfristige Ziele und persönliche Entwicklung.
Fasten kann daher als ein Training dieser Fähigkeit verstanden werden.
Wenn Schülerinnen und Schüler sich gesehen fühlen
Besonders berührend ist es zu beobachten, wie muslimische Schülerinnen und Schüler reagieren, wenn sie merken, dass ihre Lehrerin ebenfalls fastet.
Ein Schüler kam einmal nach dem Unterricht zu mir und sagte:
„Endlich versteht jemand, warum wir das machen.“
Solche Momente zeigen, wie wichtig Anerkennung im schulischen Alltag sein kann. Studien der European Union Agency for Fundamental Rights (FRA) zeigen, dass viele Musliminnen und Muslime in Europa Diskriminierungserfahrungen berichten
(Second European Union Minorities and Discrimination Survey, 2017).
Gerade deshalb kann ein respektvoller Umgang mit religiösen Praktiken im Klassenzimmer eine wichtige Erfahrung der Zugehörigkeit sein.
Gesundheit und Verantwortung
Natürlich wird das Thema Ramadan auch im Lehrerzimmer diskutiert.
Eine Kollegin sagte einmal zu mir:
„Ohne Wasser zu trinken ist das doch für Kinder nicht gesund.“
Diese Sorge ist berechtigt. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) weist darauf hin, dass jüngere Kinder nicht streng fasten sollten und gesundheitliche Aspekte immer berücksichtigt werden müssen.
Interessant ist jedoch, dass auch die islamische Tradition selbst zahlreiche Ausnahmen vorsieht. Kinder sind nicht verpflichtet zu fasten. Ebenso ausgenommen sind kranke Menschen, Reisende, Schwangere oder stillende Frauen.
Der Koran formuliert dieses Prinzip deutlich:
„Gott will für euch Erleichterung und nicht Erschwernis.“ (Koran 2:186)
Als ich diese Regel meinen Schülerinnen und Schülern erklärte, reagierten viele überrascht.
„Das ist ja gar nicht so streng“, sagte ein Schüler.
Fasten als gemeinsame religiöse Erfahrung
Besonders spannend wurde eine Unterrichtsdiskussion, als einige Schülerinnen erzählten, dass ihre orthodox christlichen Familien ebenfalls fasten.
Plötzlich wurde deutlich, dass freiwilliger Verzicht kein ausschließlich muslimisches Phänomen ist.
Der Religionssoziologe Peter L. Berger beschreibt Religion in seinem Werk The Sacred Canopy (1967) als ein System von Praktiken, das Menschen hilft, ihrem Leben Sinn und Ordnung zu geben.
Rituale wie das Fasten können helfen, alltägliche Gewohnheiten zu unterbrechen und Raum für Reflexion zu schaffen.
Die Nacht des Ramadan
Als berufstätige Mutter erlebe ich den Ramadan auch ganz praktisch. Häufig stehe ich um drei oder vier Uhr morgens auf, um vor Sonnenaufgang zu essen und zu beten.
Früher dachte ich oft, dass dies kaum möglich sei.
Doch jedes Jahr zeigt mir der Ramadan erneut, wie anpassungsfähig der Mensch sein kann. Wenn man Körper und Geist darauf vorbereitet, erscheinen viele Herausforderungen plötzlich machbar.
Ramadan erinnert mich deshalb jedes Jahr daran, dass viele Grenzen nicht außerhalb von uns liegen, sondern in unserem eigenen Denken.
Die wahre Superkraft
Am Ende der Stunde kehre ich noch einmal zu unserer ersten Frage zurück.
„Welche Superkraft würdet ihr wählen?“
Die Kinder lachen wieder. Einige rufen erneut ihre ursprünglichen Ideen.
Doch ein Schüler sagt plötzlich:
„Vielleicht ist die Superkraft, sich selbst kontrollieren zu können.“
Ich muss lächeln.
Vielleicht liegt die größte Superkraft tatsächlich nicht in Unsichtbarkeit oder Zeitreisen.
Vielleicht ist sie viel unscheinbarer – und gleichzeitig viel schwieriger:
die Fähigkeit, innezuhalten, sich selbst zu beherrschen, anderen zu helfen und sich jeden Tag neu daran zu erinnern, was im Leben wirklich zählt.